Academic Development Conference 2025

12.02.2025

🗣️ High Edu Space Development – Analyse «besonderer» Hochschulräume

 

#Hochschulräume #Analyse #Hochschuldidaktik #Innovation

Cornelia Dinsleder, Ulrich Kirchgässner

Trotz der Verfügbarkeit innovativer didaktischer Konzepte wird die Hochschullehre häufig noch als statischer Wissensvermittlungsprozess durchgeführt. Räumliche Gegebenheiten wirken dabei oft limitierend und fordern nicht zur Veränderung und individualisiertem Lernen auf. Das Forschungsprojekt “High Edu Space Development” (HESD) setzt sich das Ziel, Hochschullehre räumlich-didaktisch zu qualifizieren und neue, zukunftsfähige Wege anzubieten.

Das internationale Projekt High Edu Space Development (PH Luzern, 2024-2026) setzt an der Diskrepanz zwischen neueren Lehr- und Lernansätzen, die u.A. durch Kompetenzorientierung und Individualisierung gekennzeichnet sind, und traditionellen Lehrpraxen an Hochschulen an, die eine eher frontale Vermittlungssituation grundlegen. Seit der Bologna-Reform oder auch bereits durch die Programmatik des Lebenslangen Lernens wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert ein Shift von “Teaching to Learning” eingeleitet, der für ein selbstorganisiertes, individualisiertes Lernen entsprechende Räumlichkeiten und Infrastrukturen bereitstellen soll (Bachmann, Brandt, Kaufmann, Röder, Schwander & Škerlak 2014, S. 20; Ninnemann, 2018, S. 14 f., 50 ff.; Fachhochschule Nordwestschweiz, 2021).

Trotz der Verfügbarkeit didaktischer Konzepte, die eine eigenaktive Auseinandersetzung mit Wissen integrieren, wird Hochschullehre häufig als statischer Wissensvermittlungsprozess durchgeführt. Räumliche Gegebenheiten wirken dabei oft limitierend und nicht zu selbstverantwortlichem Lernen auffordernd. Das Spannungsfeld von Raumlimitierung und heute gewünschten Lehr- und Lernformen adressiert das Forschungsprojekt HESD. Die drei zentralen Arbeitsschritte des Projekts sind Analyse (1), Entwicklung (2) und Evaluation (3) von Hochschulräumen sind ausgerichtet auf das Ziel, Hochschullehre räumlich-didaktisch zu qualifizieren und neue, zukunftsfähige Wege offenzulegen. 

Mit der Analyse werden "besondere Räume" an Hochschulen im In- und Ausland in den Blick genommen. “Besondere Räume” zeichnen sich durch innovative didaktische Nutzungskonzepte in Verbindung mit räumlichen Qualitäten aus, wie z.B. Lernwerkstätten, Spacelabs, pädagogische Werkstätten etc. Zielsetzung dieses Projektschrittes ist, eine vergleichende Systematik und Dokumentation zu den räumlichen Qualitäten und didaktischen Grundlagen von «besonderen Räumen» auszuarbeiten, welche u.A. interessierten Hochschulen mit anstehenden Bau- und/oder Entwicklungsprozessen zur Verfügung steht. 

Die Systematisierung gliedert sich in drei Themenfelder: Entstehung, Raum & Didaktik, Organisation & Nutzung, die wiederum durch dazugehörige Fragen differenziert erfasst werden.  Bereits die Gliederung verweist darauf, dass die Qualität von Hochschulräumen nicht durch eine Momentaufnahme festgestellt werden kann, sondern als eine gewachsene räumliche und soziale Struktur analysiert werden muss. Die Datenerhebung umfasst Beobachtungen, Interviews mit unterschiedlichen Akteuren der Entwicklung und Nutzung der Räume sowie Dokumentenanalysen. Die Auswertung erfolgt orientiert an der Qualitativen Inhaltsanalyse. 

Bisher sind zwei Hochschulen mit besonderen Räumen besucht und entsprechende Daten erhoben worden. Erste Gelingensbedingungen für die Entwicklung und Inbetriebnahme von “besonderen Hochschulräumen”, die vielfältige Wege des Lernens und Lehrens zulassen oder auch einfordern, zeichnen sich bereits ab.  Eine wesentliche Erkenntnis zu den Gelingensbedingungen ist, dass ein innovativer Raum allein noch keine innovative Hochschuldidaktik hervorbringt. Bei der Lernraumgestaltung stellt die physisch-materielle Raumebene lediglich einen Teil des Ensembles von zu berücksichtigenden Aspekten dar (Ninnemann, 2018, S. 31 f.). 

Erste Ergebnisse aus der Analyse von besonderen Hochschulräumen bestätigen ebenfalls, dass räumliche Setzungen alleine nicht reichen. Die räumlich-didaktische Entwicklung muss mit klaren Aufträgen oder Zuständigkeiten verbunden sein, es braucht also beauftragte Personen oder ein Team, das sowohl mit Ressourcen wie auch mit Entscheidungskompetenzen bezüglich der Raumgestaltung und -organisation ausgestattet ist. Wichtige Gelingensbedingung ist ausserdem ein Auftrag oder zumindest die Unterstützung der Leitung. 

Daran schliessen sich folgende Überlegungen an

  • Gibt es eine (gemeinsam entwickelte) Vision von Lehren und Lernen? Ist diese verbindlich?
  • Wie wird die Inbetriebnahme und Nutzung der Räumlichkeiten begleitet und unterstützt? Wie werden gewollte Lehr- und Lernfomen entwickelt, angeregt und umgesetzt?  

Bei der Entwicklung der didaktischen Innovationslabore (DiLab), einem geförderten Projekt an der Universität Passau, stand das Ziel im Zentrum, dass innovative Lehr-/Lernformen über die Lehrerbildung in die Schule kommen sollten. Von einem Projektteam wurden ein Klassenzimmer und ein Lehrerzimmer der Zukunft entwickelt, welche didaktische Schwerpunkte - selbstreguliertes Lernen, kooperatives Arbeiten und Digitalisierung - räumlich umsetzen. 

Beim project based Lab der ETH Zürich wurde ein Team von der Hochschulleitung beauftragt einen experimentellen Lernraum für grosse Seminargruppen zu entwickeln, der interdisziplinäre Projektarbeit mit mehreren Seminargruppen ermöglicht. Zielsetzung ist, dass die Studierenden neben ausgezeichneten fachlichen Kompetenzen ihre sozialen und interaktiven Kompetenzen entwickeln. Das Team gestaltete einen frei gewordenen Serverraum in einen flexiblen Lernraum für bis zu 120 Studierende um: Der Raum lässt verschiedene Lern- und Sozialformen zu. Er kann mit Vorhängen unterteilt werden, Markierungen auf dem Boden verdeutlichen mögliche Umstellungen und er ist digital bewusst zurückhaltend ausgestattet. Direkt anliegende kleinere Räume bieten Rückzugsmöglichkeiten, z.B. für begleitende Tutor*innen. Auch hier wird die Raumaneignung aktiv unterstützt und nicht sich selbst überlassen.

Die Gelingensbedingungen für innovative Hochschulräume werden im Projekt HESD bis Mitte 2026 an mindestens vier weiteren Hochschulen untersucht werden. U.A. werden die Selbstlernzonen für Studierende an der FH St. Pölten sowie Lernräume an Hochschulen in Kopenhagen und Berlin analysiert. Die Ergebnisse fliessen ausserdem in aktuelle Hochschulraumentwicklungsprozesse in der Schweiz ein (PH Luzern und PH Schaffhausen).